DIMENSION-FX
Das Werkzeug heißt DFX SplatCore. Damit werden aus Fotos 3D-Modelle auf dem eigenen Rechner gemacht.
Teil 1 — Woher das kommt

Zweitausend Jahre Blickpunkte

Man könnte dieses Kapitel überspringen und direkt zu den Kameraeinstellungen blättern. Aber dann entginge dir das Beste — und das Nützlichste. Denn die Technik, mit der du gleich arbeiten wirst, ist kein Zauberkasten, der vor fünf Jahren vom Himmel fiel. Sie ist das jüngste Kapitel einer sehr alten Geschichte: des Versuchs, die Welt aus Blickpunkten zu begreifen. Wer diese Geschichte kennt, versteht nicht nur, warum die Aufnahmeregeln so sind, wie sie sind — er verliert auch den letzten Rest Ehrfurcht vor der vermeintlichen Blackbox. Es ist Geometrie. Sie ist alt. Und sie ist wunderschön.

ÄRA DES MESSENS ÄRA DES WIEDERGEBENS Antike Groma, Dioptra 1435 Perspektive 1759 Lambert 1839 Fotografie 1867 „Photogrammetrie“ 2016 COLMAP / SfM 2020 NeRF 2023 Gaussian Splatting heute DFX SplatCore Zweitausend Jahre lang wurde gemessen — erst seit 2020 wird wiedergegeben. Der Unterschied ist Thema von Teil 2.

Der Zeitstrahl dieses Kapitels. Jede Station wird im Folgenden erzählt — und jede hat eine Spur bis in deine Kamera von heute.

1.1  Die Vermesser — die Welt von Standpunkten aus ordnen

Ich zeig euch ein Bild, das man aus dem Flugzeug über Norditalien noch heute sehen kann. Felder, Straßen und Gräben, die auf Kilometer hinaus einem strengen Raster folgen. Dieses Raster ist ungefähr zweitausend Jahre alt. Die alten Römer haben die Messung von Grundstücken übernommen. Dafür hatten sie ein Gerät, das heute einfach aussieht: die Groma. Das war ein Kreuz aus Holz, an dem Schnüre herhingen. Damit konnte man ganz genau rechte Winkel abstecken. Damit teilten sie die eroberten Gebiete in gleichmäßige Quadrate (die Centuriatio), richteten Straßen über Hunderte Kilometer schnurgerade aus und legten Städte an, deren Grundrisse bis heute Bestand haben.

In ihrem Werkzeugkasten war auch die Dioptra, ein Instrument, das in der griechischen Antike entwickelt wurde. Ein Ingenieur namens Heron von Alexandria hat es beschrieben und es konnte Winkel messen. Es war sozusagen ein Vorläufer des Theodoliten, das heute noch von Vermessern benutzt wird. Mit so einer langen Setzwaage, dem Chorobates, haben die römischen Ingenieure das Gefälle ihrer Aquädukte auf Bruchteile eines Grades kontrolliert. Denn sonst wären Wasserleitungen über fünfzig Kilometer schlicht unmöglich gewesen.

Was hat das mit Fotografie zu tun? Alles – denn hier kommt der wichtigste Gedanke, von dem alles Weitere abhängt: Man kann die Welt vermessen, indem man sie von mehreren festen Standpunkten aus anpeilt. Zwei Beobachter sehen den Turm gleich, aber von ihren jeweiligen Blickwinkeln und dem Abstand zueinander können sie die Entfernung zum Turm bestimmen, ohne auch nur einen Schritt zu machen. Das ist im Kern Triangulation, und genau so funktioniert DFX SplatCore. Es errechnet aus deinen Fotos die Position jedes Bildpunkts im Raum. Der Unterschied liegt nicht im Prinzip, sondern im Maßstab: Wo zwei römische Feldmesser einen Turm anpeilten, peilen heute hunderte Fotos Millionen von Punkten an.

der gesuchte Punkt Standpunkt A Standpunkt B bekannter Abstand (die Basis) α β Zwei Standpunkte, zwei Winkel — der Ort des Punktes ergibt sich zwingend aus der Geometrie.

Triangulation, die Grundidee: Was hier zwei Feldmesser mit einem Turm machen, macht DFX SplatCore mit jedem Punkt deiner Fotoserie – und das millionenfach.

Ehrlich gesagt, frage ich mich, ob die Römer Fotogrammeter waren. Nein, hier wird das ganz genau genommen, gerade weil Teil 5 die Mythen ausräumen will. Die Römer waren echte Profis, wenn es um Vermessung ging: Sie haben Standpunkte, Winkel und Fluchten genau bestimmt. Aber sie haben nie aus Bildern gemessen – dafür haben sie einfach nicht die nötige Mathematik-Grundlage und das Vertrauen in die Bilder selbst. Beides gibt's erst in den nächsten beiden Stationen. Die Römer sind sozusagen die Wurzel der Vermessung, aber nicht der Fotogrammetrie. Aber ohne die Vermessung gäbe es die Fotogrammetrie nicht.

1.2  Die Perspektive wird verstanden — das Bild wird berechenbar

Etwa 1.500 Jahre später, also um 1420, ist der Baumeister Filippo Brunelleschi in Florenz. Der wird später die berühmte Domkuppel errichten. Jetzt führt er ein Experiment vor, das die Kunstgeschichte verändert. Er malt das Baptisterium so, wie es von einem bestimmten Punkt aus aussieht, bohrt ein Loch in die Tafel und lässt die Leute durch das Loch auf einen Spiegel schauen, der das Bild zeigt. Das Gemälde und das echte Gebäude sind kaum noch zu unterscheiden. Die Idee ist, dass ein Bild nicht einfach nur so aus der Luft gegriffen ist. Es folgt bestimmten Regeln, und wenn man die kennt, kann man damit die Wirklichkeit ziemlich genau darstellen.

Brunelleschi hat das damals vorgeführt und Leon Battista Alberti hat das dann 1435 in "De pictura" aufgeschrieben. Das war die erste mathematische Beschreibung der Zentralperspektive. Sein berühmtes Bild dafür ist wie ein offenes Fenster, durch das man die Welt sieht. Die Sehstrahlen vom Auge gehen durch die Fensterebene und treffen auf das Bild. Piero della Francesca hat sich richtig in die Materie reingehängt und Albrecht Dürer hat dann Apparate gebaut, die das Prinzip mechanisch vorführten. Seine Holzschnitte von 1525 zeigen Zeichner, die durch Visiere und Fadengitter peilen, um die Wirklichkeit Punkt für Punkt auf die Bildebene zu übertragen.

Was hier – Jahrhunderte vor der ersten Kamera – bereits vollständig verstanden wurde, sollten wir uns merken: Ein perspektivisches Bild ist eine geometrische Projektion, die bestimmte Eigenschaften hat, die man genau bestimmen kann. Jede Kamera, die du heute in die Hand nimmst, ist im Grunde Albertis Fenster. Es ist sozusagen eine Ebene (der Sensor), durch die Sehstrahlen (das Licht durch das Objektiv) die Welt abbilden. Wenn DFX SplatCore von "Kameraparametern" spricht, dann meint es damit die Größen, die in diesem Fenster beschrieben werden – also die Position, die Ausrichtung und die Öffnungsgröße.

Auge / Kamera Bildebene („das Fenster“) das Objekt Wo die Sehstrahlen die Ebene durchstoßen, entsteht das Bild — als exakt berechenbare Projektion.

Die Fenster von Albertis sind von 1435. Ersetze "Auge" einfach durch "Sensor" und "Fenster" durch "Objektiv-Bildebene" – und du hast das Kameramodell, mit dem DFX SplatCore rechnet.

1.3  Die Umkehrung — aus dem Bild den Standort zurückrechnen

Bisher lief die Rechnung so: Welt → Bild. Der nächste Schritt ist der entscheidende, und den übersehen die meisten. Die alten Vermesser haben das Triangulieren zu einer Wissenschaft gemacht. Gemma Frisius hat 1533 beschrieben, wie man ein ganzes Land über Dreiecksketten kartiert. Willebrord Snellius hat Anfang des 17. Jahrhunderts einen ganzen Landstrich so vermessen. Das war die Methode, mit der später Kontinente kartiert wurden.

Dann aber, 1759, hat der Mathematiker, Physiker und Autodidakt Johann Heinrich Lambert eine Schrift mit dem schönen Titel "Die freie Perspektive" veröffentlicht. Da steckt beinahe so etwas wie eine revolutionäre Idee dahinter: Man kann die Perspektive rückwärts rechnen. Wenn du ein perspektivisch korrektes Bild hast, kannst du auch herausfinden, von wo aus es aufgenommen wurde. Der Standort und die Blickrichtung des Zeichners sind nämlich im Bild selbst zu sehen. Die Profis nennen das heute Rückwärtsschnitt, und genau das macht DFX SplatCore für jedes deiner Fotos: Wo stand die Kamera, als das Bild aufgenommen wurde?

Stell dir mal vor, die ganze Mathe der Fotogrammetrie gab's schon 80 Jahre vor der Fotografie. Was fehlte, war kein Verständnis – es fehlte ein Bild, dem man die Perspektive glauben konnte. Eine Handzeichnung ist nie exakt genug. Der Zeichner irrt, deutet, verschönert. Die Welt wartete, ohne es zu wissen, auf ein Bild, das die Geometrie selbst zeichnet.

1.4  Das Foto kommt dazu — die Fotogrammetrie entsteht

Louis Daguerre hat 1839 in Paris das erste fotografische Verfahren vorgestellt, das auch in der Praxis funktioniert hat. Nicéphore Niépce hat die Grundlagen dafür schon in den 1820ern gelegt. Für die Kunst war das eine echte Sensation. Für die Vermessung war es die Erfüllung eines Jahrhundertwunsches: endlich ein Bild, das die Perspektive nicht deutet, sondern physikalisch exakt aufzeichnet. Licht fällt durch ein Objektiv auf eine Platte – das ist Albertis Fenster, nur ohne den irrenden Zeichner.

Es dauerte nicht lange, da hat jemand die Verbindung gezogen. Der französische Offizier Aimé Laussedat hat so um 1850 angefangen, aus Fotografien Landkarten zu machen. Er hat das Métrophotografie genannt und gilt heute als der Vater der Fotogrammetrie. Es ist wichtig zu wissen, woher er kommt: aus der Landvermessung. Die neue Disziplin kommt nicht aus den Fotoateliers, sondern von den Kartografen – und ist sozusagen die direkte Fortsetzung der Linie, die bei der Groma begann.

Die deutsche Spur dieser Geschichte beginnt mit einem Beinahe-Unglück. Der junge Baumeister Albrecht Meydenbauer hat 1858 den Dom zu Wetzlar vermessen. Und zwar von Hand und am Seil hängend an der Fassade, so wie es damals üblich war. Dabei wäre er fast in den Tod gestürzt. Die Erfahrung hat ihn auf eine Idee gebracht, die heute ganz normal klingt, damals aber echt neu war: Warum am Gebäude herumklettern, wenn man es auch fotografieren und am Schreibtisch vermessen kann? Meydenbauer hat eigene Messbildkameras entwickelt, den Begriff "Photogrammetrie" geprägt und 1885 die Königlich Preußische Messbildanstalt gegründet. Das war das erste Archiv der Welt, das Baudenkmäler systematisch in Messbildern festgehalten hat.

Das zwanzigste Jahrhundert hat gezeigt, dass diese Anstalt mehr war als nur eine Behörde. Als Kriege und Katastrophen Bauwerke zerstörten, wurden Meydenbauers Glasplatten benutzt, um Verlorenes wieder aufzubauen oder wenigstens zu dokumentieren. Halt diesen Gedanken fest – ein gutes Bild ist eine Versicherung gegen den Verlust. Das Thema kommt bestimmt wieder auf den Tisch, wenn wir später über die Digitalisierung von Kulturgut sprechen. Was Meydenbauer mit Glasplatten für Dome angefangen hat, kannst du heute mit einer Kamera für alles machen, was dir wichtig ist.

Historische Szene: ein Vermesser hängt am Seil an einer gotischen Fassade und misst von Hand; im Vordergrund steht eine Messbildkamera auf einem Holzstativ KI-Bild
Meydenbauers Einsicht von 1858, als Szene nachempfunden: Nicht der Mensch muss ans Gebäude — das Bild holt das Gebäude zum Menschen. Links die alte Welt am Seil, rechts die neue auf dem Stativ.

1.5  Die Maschine übernimmt das Rechnen

Ein Jahrhundert lang war die Fotogrammetrie ein Handwerk, das nur Spezialisten beherrschten. Die Messbildkameras, Stereobetrachter und raumfüllenden Auswertegeräte, mit denen geschulte Operateure Punkt für Punkt Karten aus Luftbildern zeichneten, waren die Werkzeuge der Wahl. Die Mathematik war die alte – Triangulation und Rückwärtsschnitt – aber jeder Punkt hat Handarbeit bedeutet.

Dann kamen die Computer und mit ihnen fiel die letzte Schranke. In den Neunzigern hat die Bildverarbeitung gelernt, markante Punkte selbstständig wiederzuerkennen – die Ecke eines Fensters, ein Fleck auf einer Mauer, tausendfach pro Bild, ohne menschliches Zutun. Damit ließ sich Lamberts Rückwärtsschnitt automatisieren: Der Rechner findet in vielen Fotos dieselben Punkte und berechnet daraus gleichzeitig die Standorte aller Kameras und die Lage aller Punkte im Raum. Das Verfahren heißt Structure from Motion ("Struktur aus Bewegung"). 2006 hat das Projekt Photo Tourism etwas gezeigt, das damals echt verblüffend war: Aus Urlaubsfotos von fremden Menschen aus dem Internet hat man die Kathedrale Notre-Dame räumlich rekonstruiert. 2016 hat die freie Software COLMAP den Stand der Forschung gebündelt. Genau dieses COLMAP arbeitet heute in DFX SplatCore, wenn du eine große Bildserie importierst.

Lass die Spannweite dieses Bogens kurz wirken: Lambert hat 1759 den Rückwärtsschnitt für ein einzelnes gezeichnetes Bild beschrieben. Heute läuft der in Minuten über hunderte Fotos und Millionen Punkte. Das ist alles kein Zauber – es ist die gleiche Geometrie, nur viel, viel schneller. Wenn DFX SplatCore dir nach dem Import sagt, dass es die Kamerapositionen berechnet hat, dann hat es genau das gemacht, was ein römischer Feldmesser im Prinzip verstanden hätte. Er hätte nur etwas mehr Zeit gebraucht.

1.6  Der Bruch — vom Messen zum Wiedergeben

Die Geschichte, die hier erzählt wird, hat eine ziemlich lange Vergangenheit. Sie hat sich im Laufe von zweitausend Jahren immer wieder neu erfunden. Messen. Wo ist der Punkt? Wie hoch der Turm, wie weit die Straße, wie tief der Raum? Am Ende hatte ich Zahlen, Karten, Pläne, Punktwolken – Abbilder für den Verstand.

Um das Jahr 2020 herum passiert dann etwas grundsätzlich Neues, und es ist wichtig, den Bruch als Bruch zu erkennen: Die Forschung stellt eine andere Frage. Statt "wo ist jeder Punkt?" sollte man sich fragen "wie sieht diese Szene von einem beliebigen Blickpunkt aus?". Es geht nicht darum, etwas zu messen, sondern es wiederzugeben. Das Ergebnis ist kein Plan, sondern ein Erlebnis: Man bewegt sich frei durch eine fotorealistische Szene, als stünde man darin. Hier erfährst du, wie es dazu kam, welche Ideen sich gegenseitig überholten und warum ausgerechnet ein Verfahren namens Gaussian Splatting das Rennen machte.

Für dich als Fotografin oder Fotograf ist dieser Bruch echt praktisch und er kommt in allen folgenden Kapiteln vor. Einige Regeln aus der Mess-Ära gelten immer noch (die Geometrie braucht nach wie vor Blickpunkte und Schärfe), andere sind überflüssig geworden und wieder andere sind wichtiger denn je. In Teil 5, dem Mythen-Kapitel, erfährst du, welche Regel zu welcher Schublade gehört. Aber erst mal schauen wir uns den Neuankömmling genauer an.

Zweitausend Jahre wurde gemessen.
Jetzt wird wiedergegeben — und deine Kamera ist das Messinstrument.
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